StartBerichteMikrowelten – Geschichten der Computertechnik – Teil 6: Computer für die Massen

Mikrowelten – Geschichten der Computertechnik – Teil 6: Computer für die Massen

  • 2 Monaten her
  • 37Minuten

Kaum eine Firma wird mit der Zeit der Homecomputer so sehr in Verbindung gebracht wie Commodore International. Während Apple schon immer Besserverdienende und IBM Firmen und Büros als Zielgruppe hatte, fanden sich die Commodore-Maschinen in Kinder- und Jugendzimmern wider. Doch schlechtes Marketing und katastrophale Managemententscheidungen führten das einstige Vorzeigeunternehmen in den Ruin.

Jack Tramiel

Kaum ein amerikanischer Geschäftsmann wurde in den 1970er und 1980er Jahren so sehr gefürchtet wie Jack Tramiel. Für loyale, talentierte Leute tat er nahezu alles, aber wehe, man saß auf der anderen Seite des Verhandlungstisches. Nicht wenige Geschäftspartner bekamen es mit der puren Angst zu tun. Spätestens, wenn er seine Ärmel hochkrempelte, um seine Tätowierung zu zeigen.

Jack Tramiel
Bil Herd (rechts) spricht mit Jack Tramiel. Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Commodore 64 im Computer History Museum fotografiert. – Foto: Wikipedia

1928 als Idek Trzmiel in Polen geboren, war er ein Holocaust-Überlebender. Wenn es in Verhandlung hart auf hart kam, zeigte er dies mit seiner KZ-Tätowierung und signalisierte damit, dass er das Schlimmste bereits hinter sich hatte. Das er zu allem bereit war. Dass Geschäfte für ihn Krieg waren und er diesen um jeden Preis gewinnen wollte.

Dies bekamen auch firmenintern alle zu spüren, die seiner Meinung nach nicht spurten. Wenn mal wieder „Jack Attack“ Zeit war und er Mitarbeiter, bevorzugt Abteilungsleiter, anbrüllte, als gäbe es kein Morgen mehr. Diese Ausraster, die häufig in Kündigungen mündeten, waren legendär. Wer nicht stark genug war, brach unter Jacks Sturm wie morsches Holz zusammen.

Im April 1945 wurde Idek Trzmiel von der 84. Infanteriedivision der US-Armee aus dem Arbeitslager gerettet, in dem zuvor bereits sein Vater starb. Im November 1947 wanderte er in die Vereinigten Staaten aus und änderte dabei seinen Namen. Seine Herkunft, als Jude, der von Josef Mengele persönlich untersucht wurde, hatte er jedoch niemals verleugnet.

Bald darauf trat er in die US-Armee ein, wo er lernte, wie man Bürogeräte, darunter auch Schreibmaschinen, repariert. 1953 kaufte Tramiel, während er als Taxifahrer arbeitete, ein Geschäft in der Bronx, um Büromaschinen zu reparieren. Dabei sicherte er sich ein Darlehen von 25.000 Dollar für das Geschäft, das ihm von der U.S. Army gewährt wurde. Er nannte es „Commodore Portable Typewriter“. Tramiel wollte einen militärisch anmutenden Namen für sein Unternehmen, aber Namen wie Admiral und General waren bereits vergeben, also entschied er sich für den Namen Commodore.

Die frühen Jahre

1956 schloss Tramiel einen Vertrag mit dem tschechoslowakischen Schreibmaschinenhersteller Zbrojovka Brno NP, um dessen Schreibmaschinen in Nordamerika zu montieren und zu verkaufen. Da die Tschechoslowakei jedoch Teil des Warschauer Paktes war, konnten die Maschinen nicht direkt in die USA eingeführt werden. Tramiel verwendete daher Teile der Consul-Schreibmaschinen von Zbrojovka und gründete Commodore Business Machines in Toronto, Kanada.

Nachdem Zbrojovka mit der Entwicklung eigener Hardware begonnen hatte, schloss Commodore 1962 einen Vertrag mit der Rheinmetall-Borsig AG und begann, tragbare Commodore-Schreibmaschinen zu verkaufen, die aus Teilen älterer Rheinmetall-Borsig-Schreibmaschinen hergestellt wurden.

1962 ging Commodore an die Börse, aber das Aufkommen japanischer Schreibmaschinen auf dem US-Markt machte den Verkauf tschechoslowakischer Schreibmaschinen unrentabel. In seiner Not verkaufte das Unternehmen 17 % seiner Aktien an den kanadischen Geschäftsmann Irving Gould, nahm 400.000 Dollar ein und nutzte das Geld, um in das Geschäft mit Addiermaschinen einzusteigen. Dies war eine Zeit lang profitabel, bevor die Japaner auch in diesem Bereich Fuß fassten. Jack reiste nach Japan, um zu erfahren, warum die Japaner in der Lage waren, die Nordamerikaner auf ihren eigenen lokalen Märkten zu übertreffen. Auf dieser Reise sah er die ersten digitalen Taschenrechner und entschied, dass die mechanische Rechenmaschine eine Sackgasse war.

Vintage Commodore Modell 886D Elektronischer Taschenrechner
Vintage Commodore Modell 886D Elektronischer Taschenrechner – Foto: Wikipedia

Als Commodore seine ersten Taschenrechner herausbrachte, die eine LED-Anzeige von Bowmar und einen integrierten Schaltkreis von Texas Instruments kombinierten, war der Markt vorbereitet. Nachdem TI jedoch langsam die Größe des Marktes erkannte, beschloss das Unternehmen, Commodore zu verdrängen, und brachte seine eigenen Rechner zu einem Preis heraus, der unter Commodores Kosten für die Chips lag. Gould rettete das Unternehmen noch einmal mit einer Finanzspritze von 3 Millionen Dollar, die es Commodore ermöglichte, MOS Technology zu kaufen. Als ihr Chefdesigner Chuck Peddle Tramiel erklärte, dass Taschenrechner eine weitere Sackgasse seien, und Computern die Zukunft gehöre, forderte Tramiel ihn auf, einen zu bauen, um das zu beweisen.

Sven Gramatke
Sven Gramatke//www.gravitationart.com/
Schreibt gelegentlich Artikel. Schwerpunkte sind Gamedesign, Programmierung (GML, PHP und JS), Retro und Berichte.
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