StartBerichteMikrowelten – Geschichten der Computertechnik – Teil 11: Der elektronische Apfel

Mikrowelten – Geschichten der Computertechnik – Teil 11: Der elektronische Apfel

  • 4 Wochen her
  • 50Minuten

Geschichte wird von Siegern geschrieben. Wer überlebt und es sich leisten kann, betreibt Geschichtsrevisionismus. Dies gilt für Einzelpersonen und Konzerne gleichermaßen. Apple ist ein Paradebeispiel dafür. Das Unternehmen zeigt, wie man mit einem genialen Marketing meist durchschnittliche Produkte zu überhöhten Preisen verkauft. Gleichzeitig glauben die Kunden, etwas Außergewöhnliches erworben zu haben. Bei kaum einem Technikunternehmen geht es so sehr um Emotionen statt um die eigentliche Technik.

Die offizielle Geschichtsschreibung

Die heutzutage verbreitete Geschichte lässt sich in wenigen Punkten zusammenfassen.

  1. Die Apple Computer Company wurde am 1. April 1976 von Steve Jobs, Steve Wozniak und Ronald Wayne als Geschäftspartnerschaft gegründet.
  2. Jobs und Wozniak waren bzw. sind Technikgenies.
  3. Der Apple I war der erste Personal Computer.
  4. Der Apple I wurde vollständig von Wozniak entworfen und gebaut.
  5. Apple-Computer sind ihrer Zeit voraus.
  6. Apple-Computer sind einfach zu bedienen und machen kaum Probleme.

Manche Aussagen sind etwas überspitzt, andere stimmen sogar. Statt des Apple I wird oft der Apple II (offiziell Apple ][ geschrieben) als erster „echter Personal Computer“ genannt. Fakt ist, dass insbesondere nach dem Tod von Steve Jobs dieser, nicht nur von Apple, als Technikgenie hingestellt und teilweise auf eine Stufe mit Bill Gates, mitunter sogar darüber, gehoben wird. In gewisser Weise war er tatsächlich genial, doch sein Technikverständnis war eher unterentwickelt. Diesbezüglich kam er nicht ansatzweise an Gates heran, der wiederum selbst kein Technikgenie, aber ein sehr cleverer Geschäftsmann war.

Wozniak und die Technik

Stephen Gary Wozniak, von einigen nur „Woz“ genannt, wurde am 11. August 1950 in San Jose, Kalifornien, geboren. Der Vater war Ingenieur bei der Lockheed Corporation. Der Nachname kommt ursprünglich aus Polen.

Wozniak machte 1968 seinen Abschluss an der Homestead High School in Cupertino, Kalifornien. 1969 kehrte er in die San Francisco Bay Area zurück, nachdem er in seinem ersten Studienjahr von der University of Colorado Boulder verwiesen wurde, weil er das Computersystem der Universität gehackt hatte. Er schrieb sich erneut am De Anza College in Cupertino ein, bevor er 1971 an die University of California, Berkeley, wechselte.

Steve Wozniak 1968 (Foto: Wikipedia; AI fix by Bytegame.de)
Steve Wozniak 1968 (Foto: Wikipedia; AI fix by Bytegame.de)

Im Juni desselben Jahres entwarf und baute Wozniak im Rahmen eines autodidaktischen Ingenieurprojekts zusammen mit seinem Freund Bill Fernandez seinen ersten Computer. Da es noch keine brauchbaren Mikroprozessoren, Bildschirme und Tastaturen gab und sie nur Lochkarten und 20 TTL-Chips verwendeten, die ihnen ein Bekannter geschenkt hatte, nannten sie ihn „Cream Soda“, nach ihrem Lieblingsgetränk. Ein Zeitungsreporter trat auf das Stromversorgungskabel und jagte den Computer in die Luft, aber er diente Wozniak als „guter Auftakt für meine Überlegungen, die ich fünf Jahre später mit den Computern Apple I und Apple II anstellte“.

In den frühen 1970er Jahren brachte Wozniaks Blue-Box-Design ihm in der Phreaking-Community den Spitznamen „Berkeley Blue“ ein. Eine Blue Box ist ein elektronisches Gerät, das Töne erzeugt, mit denen die In-Band-Signaltöne gebildet werden, die früher im nordamerikanischen Fernsprechnetz verwendet wurden, um Informationen über den Leitungsstatus und die angerufene Nummer über Sprachleitungen zu senden. Dies ermöglichte es dem Benutzer, der als „Phreaker“ bezeichnet wurde, heimlich Ferngespräche zu führen, die einer anderen Nummer in Rechnung gestellt oder als unvollständige Anrufe abgewiesen wurden.

Bevor er sich auf Apple konzentrierte, war er bei Hewlett-Packard angestellt, wo er u. a. Taschenrechner entwarf. In dieser Zeit brach er sein Studium in Berkeley ab und freundete sich mit Steve Jobs an. Dies geschah, als Jobs einen Sommer lang bei HP arbeitete.

Als Inspirationsquelle für die Gründung von Apple nannte Wozniak das Anschauen von Star Trek und die Teilnahme an entsprechenden Conventions in seiner Jugend.

Das ungeliebte Kind?

Steven Paul Jobs wurde am 24. Februar 1955 in San Francisco, Kalifornien, geboren. Er wurde von Clara und Paul Reinhold Jobs adoptiert. Jandali, Jobs‘ biologischer Vater, war Syrer und nannte sich „John“. Er wuchs in einem arabisch-muslimischen Haushalt in Syrien, auf.

Jobs‘ Adoptivvater war Mechaniker bei der Küstenwache. Nachdem er diese verlassen hatte, heiratete er 1946 Hagopian, eine Amerikanerin armenischer Abstammung.

In seiner Jugend brachten Steves Eltern ihn in eine lutherische Kirche. Als Jobs in der High School war, gestand Clara Steves Freundin Chrisann Brennan, dass sie „in den ersten sechs Monaten seines Lebens zu viel Angst hatte, [Steve] zu lieben […] Ich hatte Angst, dass sie ihn mir wegnehmen würden. Selbst nachdem wir den Fall [Gerichtsverhandlung mit seiner leiblichen Mutter] gewonnen hatten, war Steve ein so schwieriges Kind, dass ich, als er zwei Jahre alt war, das Gefühl hatte, wir hätten einen Fehler gemacht. Ich wollte ihn zurückgeben.“

Steve Jobs 1969 (Foto: Wikipedia; AI fix by Bytegame.de)
Steve Jobs 1969 (Foto: Wikipedia; AI fix by Bytegame.de)

Als Chrisann diese Bemerkung Steve mitteilte, erklärte er, dass er sich dessen bereits bewusst war, und sagte später, dass er von Paul und Clara zutiefst geliebt und verwöhnt wurde.

Paul und Clara adoptierten 1957 Jobs‘ Schwester Patricia und 1959 zog die Familie in das Viertel Monta Loma in Mountain View, Kalifornien. In dieser Zeit baute Paul in seiner Garage eine Werkbank für seinen Sohn, um „seine Liebe zur Mechanik weiterzugeben“. Jobs bewunderte unterdessen die handwerklichen Fähigkeiten seines Vaters, „weil er wusste, wie man alles baut. Wenn wir einen Schrank brauchten, hat er ihn gebaut. Als er unseren Zaun baute, gab er mir einen Hammer, damit ich mit ihm arbeiten konnte […] Ich war nicht so sehr damit beschäftigt, Autos zu reparieren, aber ich wollte unbedingt mit meinem Vater abhängen.“

Als er zehn Jahre alt war, befasste sich Jobs intensiv mit Elektronik und freundete sich mit vielen Ingenieuren an, die in der Nachbarschaft wohnten. Er hatte jedoch Schwierigkeiten, sich mit Kindern in seinem Alter anzufreunden, und wurde von seinen Klassenkameraden als „Einzelgänger“ angesehen.

Jobs hatte Probleme, in einem traditionellen Klassenzimmer zu funktionieren, neigte dazu, sich Autoritätspersonen zu widersetzen, benahm sich häufig daneben und wurde einige Male suspendiert. Er übersprang die fünfte Klasse und wechselte in die sechste Klasse der Crittenden Middle School in Mountain View, wo er ein „sozial unbeholfener Einzelgänger“ wurde. Er wurde in dieser Schule oft gemobbt. In der Mitte der 7. Klasse stellte er seinen Eltern ein Ultimatum: Sie sollten ihn entweder von dieser Schule nehmen oder er würde sie abbrechen.

Obwohl es der Familie Jobs finanziell nicht gut ging, verwendeten sie 1967 ihre gesamten Ersparnisse, um ein neues Haus zu kaufen, so dass Steve die Schule wechseln konnte. Das Gebäu lag im besseren Cupertino-Schulbezirk und war in einer Umgebung, die noch stärker von Ingenieursfamilien bevölkert war als die Gegend um Mountain View. Es wurde 2013 unter Denkmalschutz gestellt, da es der erste Standort von Apple Computer war. Ab dann war es im Besitz von Jobs‘ Schwester Patty und wurde von seiner Stiefmutter Marilyn bewohnt.

Als Steve 13 Jahre alt war, erhielt er einen Sommerjob von Bill Hewlett (von Hewlett-Packard), nachdem er ihn angerufen hatte, um nach Teilen für ein Elektronikprojekt zu fragen.

Die Lage des Hauses in Los Altos bedeutete, dass Jobs die nahe gelegene Homestead High School besuchen konnte, die starke Verbindungen zum Silicon Valley hatte. Er begann dort Ende 1968. Jobs und Bill Fernandez kamen beide nicht aus einem Ingenieurshaushalt und beschlossen daher, sich in John McCollums „Electronics 1“ einzuschreiben. McCollum und der rebellische Jobs (der sich die Haare lang wachsen ließ und sich in der wachsenden Gegenkultur engagierte) gerieten schließlich aneinander, und Jobs begann, das Interesse an dem Kurs zu verlieren.

Mitte 1970 erlebte er eine Veränderung: „Ich wurde zum ersten Mal stoned. Ich entdeckte Shakespeare, Dylan Thomas und all das klassische Zeug. Ich las Moby Dick und besuchte als Student Kurse für kreatives Schreiben.“

Nachdem Wozniak 1971 sein Studium begonnen hatte, besuchte Jobs ihn dort ein paar Mal pro Woche. Diese Erfahrung veranlasste ihn, in der nahe gelegenen Studentenvereinigung der Stanford University zu studieren. Außerdem beschloss er, statt dem Elektronik-Club beizutreten, zusammen mit einem Freund Lichtshows für das Avantgarde-Jazz-Programm von Homestead zu veranstalten.

Jobs entschied, die Blue Box von Wozniak zu verkaufen und den Gewinn mit ihm zu teilen. In einem Interview aus dem Jahr 1994 erinnerte sich Jobs daran, dass er und Wozniak sechs Monate brauchten, um herauszufinden, wie man die Blue Boxes baute. Später meinte Jobs, dass es ohne Wozniak Blue Boxes „kein Apple gegeben hätte“. Er sagte, es habe ihnen gezeigt, dass sie es mit großen Unternehmen aufnehmen und sie schlagen könnten.

In seinem letzten Highschool-Jahr begann Jobs, LSD zu nehmen. Im September 1972 schrieb er sich am Reed College in Portland, Oregon, ein. Er bestand darauf, sich nur am Reed College zu bewerben, obwohl es sich um eine teure Schule handelte, die sich Paul und Clara nicht leisten konnten. Steve freundete sich bald mit Robert Friedland an, der zu dieser Zeit Präsident der Studentenschaft von Reed war.

Steve Jobs 1972 (Foto: Wikipedia; AI fix by Bytegame.de)
Steve Jobs 1972 (Foto: Wikipedia; AI fix by Bytegame.de)

Nach nur einem Semester brach Jobs das Reed College ab, ohne es seinen Eltern mitzuteilen. Später erklärte er, er habe sich dazu entschlossen, weil er das Geld seiner Eltern nicht für eine Ausbildung ausgeben wollte, die ihm sinnlos erschien. Er besuchte weiterhin seine Kurse, darunter einen Kalligrafiekurs. In einer Eröffnungsrede an der Stanford University im Jahr 2005 erklärte Jobs, dass er während dieser Zeit in den Schlafsälen von Freunden auf dem Boden schlief, Colaflaschen gegen Essensgeld zurückgab und wöchentlich kostenlose Mahlzeiten im örtlichen Hare-Krishna-Tempel erhielt. In der gleichen Rede sagte Jobs: „Hätte ich nicht diesen einen Kalligrafiekurs am College besucht, hätte der Mac nie mehrere Schriftarten oder proportionale Schriftabstände gehabt.“

Sven Gramatke
Sven Gramatke//www.gravitationart.com/
Schreibt gelegentlich Artikel. Schwerpunkte sind Gamedesign, Programmierung (GML, PHP und JS), Retro und Berichte.
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