Die verlorene Kultur

Heute, 2016, kann man sich eine computerisierte Welt ohne das Internet nicht vorstellen. Seiten wie google, YouTube und Facebook gehören ebenso zum Alltag wie heise, GameStar und Co. Wie auch sonst sollte man auch an mehr oder minder wichtige Informationen kommen, wenn nicht über Wikipedia und Tutorial-Seiten? Doch diese Zeit gab es einmal.

Bis Mitte der 1995 wurden Informationen über Computer vorwiegend auf drei Wege übermittelt. Einmal war da die mündliche Überlieferung. Durch mündliche Überlieferungen wurden vor allem kleine Häppchen vermittelt. „Scha mal“, „Mach mal“ und „Probier mal“ dienten häufig als Satzanfang, wenn man einem fragenden Gesicht bei einem Problem helfen wollte. Die zweite Möglichkeit bestand darin, sich auf das immer mehr aussterbende, gedruckte Papier zu verlassen. Bücher, aber vor allem Magazine zum Thema Computer boomten wie nie zuvor und nie danach. Wurde man einst von Papierbergen zu seinem Lieblingsthema schier erschlagen, zeigt sich heute in den meisten Zeitungsregale gähnende leere. Während sich die mündliche Weitergabe von Informationen noch ganz gut gehalten hat und es wenigstens noch ein paar brauchbare Zeitungen gibt, ist die dritte Form nahezu ausgestorben, und das schon lange. Die Diskmags.

hugi17
Hugi, Ausgabe 17 unter DOS.

Drehen wir das Rad der Zeit erneut zurück und stellen uns eine Welt vor, wie sie Ende der 1980er und Anfang der 1990er war. In vielen Kinderzimmern standen Computer und viele Benutzer saßen zumindest nicht völlig Ahnungslos davor. Man wollte Wissen erwerben und erworbenes Wissen weiter geben. Diesen Wunsch hatten nicht nur wenige, sondern eine ganze Computergeneration. Da es Webseiten und Blogs noch nicht gab und kaum jemand davon träumte, sich selbst zu filmen um seine Gedanken der Welt mitzuteilen, fanden diese Leute eine andere Lösung. Sie schrieben ihre Texte in Textdateien und verbreiteten diese als vereinzelte Dateien oder Textsammlungen weiter, vorwiegend über Disketten, teilweise über Mailboxen.

Die Themen waren dabei Mannigfaltig. Es ging um Hardware, Software, neue Spiele, Programmierung, Kurzgeschichten, sogar um Gedichte und vieles mehr. Diese elektronischen Publikationen ähnelten heutigen PDF-Dateien, doch waren sie für manche einfach nicht genug. Einige Leute betteten diese Texte in eine grafische Benutzeroberfläche ein und es dauerte nicht lange, da erschienen sogar Programme, in denen im Hintergrund Musik lief. Die ersten Diskmags entstanden und luden dazu ein, lange Texte auf dem Monitor zu lesen. Zumeist wurden diese Texte nicht von Profis geschrieben und hatten dementsprechend ihre Mängel, aber sie waren unterhaltsam, interessant und weckten den Wunsch nach mehr. Wohl gemerkt: meist auf einem 15-Zoll Röhrenmonitor, schlechten Boxen und teils noch schlechterer Soundkarte!

Image, Ausgabe 5 unter DOS
Image, Ausgabe 5 unter DOS

Vor allem für technisch interessierte Subkulturen wie die Demoszene waren diese Magazine großartig. Über die meisten dieser Kulturen wurde in den gängigen Medien ohnehin nicht berichtet und für die vorwiegend als Schüler oder Studenten lebenden Computerfreaks war es kostengünstiger als eine gedruckte Zeitung. Druckertinte und Kopien waren damals erheblich teurer als heutzutage.

Diskmags gab es in zahlreichen, vorwiegend europäischen Sprachen und auf fast jedem System. Egal ob PC, Commodore 64, Amiga, Atari Falcon 030 oder ZX Spectrum: Wo es eine interessierte Szene gab, gab es auch Diskmags.

Vieles von dem, was wir heute über das Internet kennen, gab es schon damals. Neben den bereits genannten Textgattungen gesellten sich auch Tutorials, Reportagen von Partys und sogar Umfragen unter den Lesern. Die meisten Diskmags hatten sogar eine Rubrik für Leserbriefe.

Obwohl das Aussehen, aber auch die Texte, immer besser wurden, waren noch immer keine Profis am Werk. Mitschreiben durfte jeder, der etwas interessantes beizutragen hatte. Man tippte seinen Text runter, sandte es an eine Redaktion und in der folgenden Ausgabe wurde der Text meist auch veröffentlicht. Selbst die Redaktion machte dabei ihre Arbeit unentgeltlich, wodurch die Mags zu einem kostenlosen Service der Szene an sich selbst wurde. Auch das kennt man heute von den meisten Webseiten so.

Cream Mag, Ausgabe 4 unter DOS.
Cream Mag, Ausgabe 4 unter DOS.

Die Nachteile eines solchen Mediums scheinen heute offensichtlich. Die Aktualität der Texte ließ meistens zu wünschen übrig, da die Magazine nicht wöchentlich, sondern zumeist quartalsweise erschiene. Außerdem bedurfte es eines Computers, für den das Magazin programmiert wurde. In den meisten Fällen war man mit den Texten auch nicht mobil. Wer hatte damals schon einen tragbaren Computer? Dann musste man in einem Dunstkreis der Verteiler sein, um an die aktuellen Ausgaben zu kommen, was nicht selbstverständlich war. Zu guter Letzt konnte man nur hoffen, dass einerseits der Datenträger nicht beschädigt war und andererseits auch die Datei auf dem Computer lief. Wer einmal ein Boot-Menü unter DOS durchexerziert hat, weiß, wovon der Autor gerade spricht.

Doch auch wenn man sich heute nicht mehr vorstellen kann, eine 5 ¼ Zoll Diskette ins Laufwerk zu legen, um so ein Magazin zu lesen, hatte es doch seine Vorteile, von denen ich zwei herausheben möchte. Die Texte wurden, wie eine richtige Zeitung, von sehr unterschiedlichen Leuten zu einem sehr spezifischen Thema geschrieben. Diese Texte waren vereint unter einer Haube. Heute im Internet findet man das nur noch selten. Jeder hat seine eigene HP, seinen eigenen Blog, seinen eigenen YouTube-Kanal und im schlimmsten Fall splitten die Leute ihren Output noch auf verschiedene soziale Netzwerke. Man folgt vielen einzelnen Autoren, nicht mehr nur wenigen Magazinen. Der zweite nennenswerte Vorteil an Diskmags ist die unverwechselbare Atmosphäre. Wie das Layout einer Webseite war auch jedes Mag einzigartig designt, vielleicht noch einzigartiger, als es heute im Internet der Fall ist. Viele hatten ein einzigartiges Bedienkonzept, ein ansprechendes, grafisches Design und eine dazu passende Hintergrundmusik setzte dem Magazin noch die Krone auf. Ja, heute hört man vielleicht nebenher MP3s, aber es ist doch etwas anderes, wenn man in eine einzigartige digitale Welt eintaucht. Vor allem in den letzten Jahren, als das Internet immer mehr die Magazine ablöste, wurden sie zu einzigartigen Kunstwerken, die heute noch ihres Gleichen suchen.

Hugi, die bisher letzte Ausgabe 38 unter Windows.
Hugi, die bisher letzte Ausgabe 38 unter Windows.

Man sollte nicht so weit gehen und behaupten, dass das Internet etwas zerstört hätte, aber vielleicht gibt es eines Tages die Möglichkeit, die Vorteile des Internets mit denen der Diskmags zu verbinden. Es gibt sicher Leute, die sich darüber freuen würden.

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