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Viele Spieler mögen es einfach. Eine simple Spielmechanik mit wenigen Regeln, aus denen sich ein großes Abenteuer entspinnt. Crystal Caves von 1991 ist ein Paradebeispiel dafür. Trotz – oder gerade wegen – seines knackigen Schwierigkeitsgrades ist es heute noch Kult.

Dank Commander Keen und der revolutionären Technik von John Carmack war es seit Ende 1990 möglich, flüssige, scrollende Grafik auf dem PC darzustellen. Zwar nur in EGA-Grafik, aber auch diese konnte ihre ganz eigene Faszination entfalten. Das Jump’n’Run Spiel wird heute noch für seine flüssigen Animationen der Spielfiguren gelobt, was letztlich daran lag, dass für die Animationen mehr Frames verwendet wurden, als zu dieser Zeit auf dem PC üblich war.

Crystal Caves (original)
Crystal Caves (original)

Wie bei Apogee üblich, war auch Crystal Caves Shareware und entsprechend in drei Teile aufgeteilt, die technisch und vom Gameplay her identisch waren. Man bekam den ersten Teil gratis und musste 30 Dollar für den Rest entrichten, zusätzlich $3 für den Versand. In Deutschland musste man 59 DM zahlen, die 10 DM Versandkosten waren inklusive.

Es waren aber nicht diese Rahmenbedingungen und ganz bestimmt nicht die Handlung, welche dieses Spiel so faszinierend machten.

Handlung

Der Spieler übernimmt die Rolle von Mylo Steamwitz, einem intergalaktischen Händler, der sich auf den Weg gemacht hat, um reiche Kristallvorkommen in Höhlen zu sammeln. Mylo benötigt das Geld, um sich seinen Traum vom Ruhestand auf dem Planeten Altair I zu erfüllen. Ja, das war es auch schon. Für den Spieler war das letztlich irrelevant. Die Handlung wird im Spiel in zwei Textfenstern erzählt und unterschreitet selbst das Niveau eines Groschenromans bei weitem.

Gameplay

Das Spiel besteht aus einer Serie von Leveln (16 pro Teil), die jeweils in einer Höhle spielen. Das Ziel in jedem Level ist es, alle Kristalle zu sammeln, um den Ausgang zu öffnen und zum nächsten Level zu gelangen. Die Levels sind mit verschiedenen Hindernissen, Feinden und Fallen gespickt. Mylo Steamwitz kann nur laufen, springen und mit einer Waffe schießen. Der Spieler hat nur 3 Herzen, sobald diese aufgebraucht wurden, stirbt er. Innerhalb eines Levels kann nicht gespeichert werden, dafür aber auf der sog. Übersichtskarte, wo man die Reihenfolge der Level mehr oder weniger frei wählen kann.

Crystal Caves (original)
Crystal Caves (original) Die Level sind voller einsammelbarer Objekte, Fallen und Gegner

Im Kern klingt das alles sehr nach Secret Agent. Die Spiele wurden nahezu gleichzeitig entwickelt und nutzen dieselbe Engine. Im Detail gibt es aber einige Unterschiede, welche Crystal Caves einzigartig machen.

Leveldesign und Schwierigkeitsgrad

Viele Levels erfordern das Lösen von sog. Rätseln, wie das Aktivieren und Deaktivieren von Schaltern. Die Kollisionsabfrage bzw. die Kollisionsmasken sind pixelgenau zum Sprite, was einen großen Teil der Herausforderung ausmacht. Berührt man mit einem Pixel der Figur einen Pixel einer Falle oder eines der Gegner, verliert man sofort ein Herz. Um Crystal Caves zu beherrschen, muss man sehr genau und schnell sein und an einigen Stellen etwas nachdenken und vor allem aufmerksam sein, um nicht in eine der zahlreichen Fallen zu rennen.

Crystal Caves (original)
Crystal Caves (original) Wer hat das Licht ausgemacht? Wo ist der Schalter?

Die Levels selbst sind nicht sonderlich groß und gehen nur über ein paar Bildschirmbreiten und -höhen. Da macht es in den meisten Fällen nicht so viel aus, wenn man oft stirbt. Nur an wenigen kniffligen Stellen wird der Wunsch geweckt, gepflegt den Bildschirm zu boxen.

Das Leveldesign ist zwar nicht genial, aber sehr clever. Fast jedes Level ist so aufgebaut, dass man es mehrmals spielen muss, um es perfekt zu meistern. Perfekt bedeutet: Alle Gegenstände einsammeln und kein Herz verlieren. Schafft man Letzteres, bekommt man am Ende des Levels 50.000 Punkte zur Belohnung.

Crystal Caves HD Levelauswahl
Crystal Caves HD Levelauswahl

Außerdem gibt es immer wieder Situationen, in denen man einen großen Teil des Levels erneut durchschreiten muss oder darf. „Muss“ bedeutet, man legt einen Schalter um, damit sich am anderen Ende eine Tür öffnet, die zu einem weiteren Schalter oder zum Ausgang führt. „Darf“ bedeutet hingegen, man findet einen goldenen Schlüssel für Schatztruhen, meist ziemlich am Ende des Levels. Die Gier verleitet einen, den ganzen Weg zurückzulegen, um alle Schatztruhen zu öffnen.

Außerdem gibt es stellen, an denen man versagen kann, in dem man sich den perfekten Weg versehentlich sabotiert und nicht mehr alle Objekte erreicht.

Abwechslung durch Details

Zugegebenermaßen klingt das bisher wie ein Spiel unter tausenden. Was Crystal Caves bis heute ausmacht, sind die vielen kleinen Ideen. So kann es sein, dass es in einem Level komplett dunkel ist und man erst den Lichtschalter finden muss. In einem anderen Level ist die Gravitation verdreht und man muss komplett umdenken, weil Mylo Steamwitz auf dem Kopf steht und an der Decke hängt. Das Element der verdrehten Gravitation ist auch ein wichtiger, temporärer Bestandteil in einigen Abschnitten.

Crystal Caves HD Alles steht Kopf
Crystal Caves HD Alles steht Kopf

Ebenfalls temporär tauchen in der Nähe des Spielers für wenige Sekunden Früchte auf, die sehr viele Punkte bringen.

Dann gibt es da das Belüftungssystem. Einige Rohre können einen einsaugen und dadurch töten; man muss gegen diese Saugkraft ankämpfen. Dann gibt es Geräte für die Luftversorgung. Wenn man versehentlich darauf schießt, stirbt man ebenfalls. Es versteht sich von selbst, dass sich in der Nähe Feinde befinden.

In einigen der Levels sind fünf Eier verstreut. Wenn man ein Ei abschießt, anstatt es aufzusammeln, verwandelt es sich in einen Buchstaben. Wenn alle fünf Buchstaben eingesammelt werden, erhält der Spieler 10.000 Bonuspunkte. Die nicht geknackten Eier sind jeweils 1000 Punkte wert, während die einzelnen Buchstaben jeweils nur 100 Punkte bringen, ohne den Bonus für alle fünf. Dieses System ist sehr clever, da man auch mit der Munition haushalten muss. Schießt man z. B. nur drei Eier ab und hat für die restlichen zwei keine Munition mehr, kommt man auf 2300 Punkte statt auf 5000, wenn man alle nur eingesammelt hätte. Solche Systeme gibt es auch in Duke Nukem, was ein paar Monate früher erschien und ebenfalls von Apogee kommt.

Crystal Caves HD
Crystal Caves HD

Hinzu kommen Eiswürfel, die man abschießen muss um den Weg freizuräumen und unsichtbare Steine, die man mit einem Sprung von unten wie in Super Mario Land sichtbar machen muss.

Power-Ups

Die ganze Spielmechanik ist zwar schlicht gehalten, im Level können sich aber auch Power-Ups befinden, die man in der unmittelbaren Umgebung braucht und nur wenige Sekunden halten. Die P-Pille lädt Mylos Kanone so auf, dass sie alle Feinde mit einem einzigen Schuss vernichten kann, auch Feinde, die sich sonst nicht zerstören lassen. Die G-Pille kehrt die besagte Schwerkraft um. Stoppschilder frieren alle Feinde auf dem Bildschirm ein, so dass Mylo an ihnen vorbeischleichen kann.

Gegnerdesign

Es gibt leider nicht so viele verschiedene Gegnertypen, aber diese sind vergleichsweise abwechslungsreich. Die Cobra zum Beispiel ist gemein, weil sie zwei Schüsse braucht und anschließend ihre Überreste auf dem Boden liegen bleiben und weiterhin giftig sind. Man muss also gut überlegen, wo man die Cobra tötet. Die Spinnen krabbeln nur die Wand rauf und runter und werfen Netze nach unten, sobald der Spieler in Reichweite ist. Man sieht hier schon, dass die Entwickler an zahlreiche Phobien gedacht haben.

Crystal Caves HD
Crystal Caves HD – Oben schläft der Gegner

Der Dinosaurier hält sehr viel aus und rennt schnell auf Maylo zu, sobald er getroffen wird. Eine rollender, blaue Kugel lässt sich nur abschließen, wenn er schläft. Im wachen Zustand ist er unzerstörbar, kann aber auch auf den Spieler schießen.

Ein anderer, grüner Gegner besteht aus vier Segmenten. Einem Kopf, zwei Körperteilen und einem Schwanz. Trifft man den Kopf, verschwindet er und der nächste Körperteil wird zum Kopf. So braucht es vier Schüsse, bis man den Gegner vollständig besiegt hat.

Und dann gibt es diese kleinen grünen Kaulquappen. Sie bewegen sich wild und schnell über den Bildschirm, ändern immer wieder ihre Richtung und sind dadurch schwer zu treffen.

Die Pilze können sich unterschiedlich verhalten. Manche sind nur Dekoration, andere geben Punkte, die grünen Pilze töten einen sofort, egal wie viele Herzen übrig sind. Die roten Pilze verhalten sich für kurze Zeit so wie die P-Pille.

Crystal Caves HD
Crystal Caves HD – Aufgrund der Kollisionsboxen kann es manchmal aussehen, als würde man in der Luft stehen

Zu den gemeinsten Fallen gehören die grünen Stacheln. Sie ragen nur wenige Pixel aus dem Boden heraus, schießen, wenn man nah genug dran ist, aus dem Boden heraus. Sie sind schwer zu sehen, weshalb man genau aufpassen muss und nicht blind durchrennen darf.

In manchen Leveln fallen willkürlich Steine von oben runter. Sie kommen teilweise so schnell und unerwartet, dass man kaum eine Möglichkeit hat, um auszuweichen.

Insgesamt fällt auf, dass sich alle Gegner und Fallen in „organisch“ und „mechanisch“ unterteilen lassen. So gibt es zwei Arten von Fledermäusen, aber auch Roboter. Gleiches gilt für die Fallen. Bei den wandelnden Felsen, die sich nur mit dem Power-Up töten lassen, kann man sich über den organischen Charakter streiten.

Segen und Fluch des Schwierigkeitsgrades

Wie sich zeigt, will einen in Crystal Caves alles töten. Es ist nicht nur sehr hart, sondern streckenweise schlicht unfair. Man möchte schreien, auf die Tastatur einschlagen und den Monitor vom Schreibtisch schubsen. Teilweise verflucht man sogar die Mütter der Entwickler.

Ein paar typische Todesarten

Crystal Caves ist quasi die Verkörperung von „oldschool“. Das Original hat keine Musik, die Soundeffekte kommen aus dem PC-Speaker und auch sonst ist die Präsentation selbst für 1991 etwas angestaubt.

Das klingt alles nach einem Spiel, welches man kurz testet und gleich wieder löscht, doch dem ist nicht so. Durch seine Mischung aus „leicht zu erlernen“ und „schwer zu meistern“ entwickelt es einen sehr starken Sog. Immer wieder stößt man auf originelle Ideen, ist begeistert vom Leveldesign und freut sich wie ein Kleinkind an Weihnachten, sobald man eine große Herausforderung gemeistert hat. Auch wenn – wie bei sehr vielen Spielen dieser Zeit – eine Lernkurve kaum existiert, ist dies streckenweise gut zu verschmerzen, da die Level eine überschaubare Größe haben. Und wenn man nicht klar kommt, kann man sich ein anderes aussuchen und es später erneut versuchen.

Crystal Caves hat das Wort „Frustresistenz“ zwar nicht erfunden, aber meisterlich interpretiert.

Episoden

Crystal Caves ist in drei Episoden unterteilt:

Episode 1: Trouble with Twibbles
Episode 2: Slugging it Out
Episode 3: Mylo Versus the Supernova

Jede Episode enthält 16 Level und bietet eine Fortsetzung der Geschichte. Die drei Episoden lassen sich unabhängig voneinander spielen.

HD-Version

Wie bereits für Secret Agent veröffentlichten Emberheart Games 2020 für Crystal Caves eine HD-Version, die in Unity entwickelt wurde. Sie enthält alle drei Episoden des Originals und eine zusätzliche, vierte Episode. Sie läuft tadellos auf modernen PCs, die Gamepad-Steuerung ist außerordentlich gut gelungen. Die Grafik wirkt etwas moderner und flüssiger, ist aber weiterhin in einem farbreduzierten Pixelstil, welcher dem Original sehr nahekommt. Außerdem enthält die HD-Version einen Level-Editor.

Vergleich HD (links) und Original (rechts)
Vergleich HD (links) und Original (rechts)

Hinzu kommen eine Online-Rangliste und drei wählbare Schwierigkeitsgrade, was das Original nicht hatte. „Normal“ verhält sich wie das Original, auf „Easy“ hat man ein Herz mehr. Die Wahl wirkt sich auch auf die Punktevergabe aus.

Die Musik der HD-Version ist großartig und reflektiert akustisch die MS-DOS-Zeit des Originals. Leider sind die Soundeffekte wie früher, klingen also nach PC-Speaker und lassen heutige, verwöhnte Ohren klingeln.

Diese HD-Version ist auf Steam und GOG erhältlich. Wer in die Welt eintauchen möchte, sollte unbedingt diese Version probieren. Die wenigen Euro lohnen sich bereits für die Musik und die grafische Überarbeitung.

Was wir daraus lernen können

Das Spiel wird manchmal mit Super Mario Bros. 3 (1988) verglichen, es gibt aber mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Was mich an Crystal Caves und den anderen, bereits erwähnten Titeln fasziniert ist, wie es den Entwicklern gelang, aus relativ wenig sehr viel Spielspaß herauszuholen. Die Spielmechanik ist im Kern ein Witz und lässt sich mit einer modernen Game-Engine an einem normalen Wochenende nachprogrammieren.

Crystal Caves HD
Crystal Caves HD

Abgesehen von den paar Power-Ups kann auch Mylo Steamwitz nicht viel – außer gut sterben. Er hat nur eine Waffe, hält nicht viel aus und alles lässt sich mit zwei Tasten und den Richtungstasten steuern. Keine Rollenspielemente, kein Shop für Extras, kein Inventar. Und es macht trotzdem sehr viel Spaß, weil Leveldesign, Gegnerdesign und die vielen kleinen Ideen das Spiel unglaublich liebenswert machen. Man kann darin in der Mittagspause zehn Minuten oder am Abend mehrere Stunden verbringen.

Weiterführende Links

Frustspirale – Designschnitzer in Spieleklassikern
The Chaos Engine
Jazz Jackrabbit
California Games II
Mortal Kombat 1

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